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Kinderdorf, Schule und Familienstärkungsprogramm

Hatte ich schon erzählt, dass wir in Hörweite einer Kirche wohnen? Ab fünf Uhr morgens werden die Gläubigen über Lautsprecher "zur Kirche gerufen". Ich brauche hier also keinen Wecker um wach zu werden ;-) 

Unser erster offizieller Programmpunkt war ein Treffen mit dem Programm Direktor um die Planung für die nächsten Tage durchzugehen. Im Anschluß haben wir uns den Kindergarten auf dem Gelände angeschaut, indem ca. 100 Kinder betreut werden. Die Kinder kommen sowohl aus dem Kinderdorf als auch aus der Nachbarschaft. Zur Begrüßung wurden uns dann auch gleich ein paar Lieder vorgesungen, herzallerliebst kann ich nur sagen.

Nach dem Kindergarten waren wir in der Hermann Gmeiner Schule, die gegenüber des Kinderdorfes liegt.  Es ist eine Grund- und Sekundarschule und wird genau wie das Kinderdorf für Kinder aus dem Dorf und der Umgebung genutzt. Der Schwerpunkt liegt hier auf Naturwissenschaften. Auch hier wurde wieder für uns gesungen.

In Bahir Dar ist es um einiges wärmer als in Addis, daher war es ganz erholsam nach den Besuchen eine kurze Mittagspause zu haben. Die Sonne brennt hier extrem auf der Haut, daher kann ich nun viel besser verstehen, warum die meisten Äthiopier lange Hosen und Oberteile tragen.

Nach dem Essen ging es dann zum Familienstärkungsprogramm. Ähnlich wie beim Programm in Addis geht es auch hier darum, die Gemeinden für die Situation von Kindern zu sensibilisieren und durch verschiedene Trainings und Unterstützungsangebote dafür zu sorgen, dass es Kindern und deren Familien besser geht. Den Kollegen ist es hier gelungen Geld von lokalen, staatlichen Einrichtungen wie der Uni, für ihr Programm zu bekommen, was eine wirklich große Leistung ist, da dies eher unüblich ist. Zusätzlich konnten sogenannte Caregivers gefunden werden, die eine Art Patenschaft für die Kinder übernehmen, indem sie Zeit mit diesen verbringen und sich um Belange der Kinder kümmern.

Erschreckend ist, dass die Zahl der Kinder, bei denen das Risiko besteht, dass sich dessen Eltern nicht um sie kümmern (können) bei  15-20.000 liegt. Mit den bestehenden Programmen der bestehenden Organisationen werden gerade mal 3-5.000 erreicht. es gibt also noch viel zu tun! SOS ist bisher in zwei Stadtteilen von insgesamt neun aktiv und hat aufgrund der guten Ergebnisse bereits die Anfrage erhalten weitere Programme zu etablieren. Wie meistens fehlt es dafür jedoch derzeit an entsprechendem Budget.  
Eine Kindertagesstätte gehrt auch noch zum Programm, die wir uns ebenfalls angesehen haben. Hier war jedoch gerade Mittagsschlaf angesagt, weswegen die Kleinen brav auf ihren Matratzen lagen und zwar nicht schliefen aber zumindest ruhten ;-) 

Auf einem kurzem Weg durch das Viertel entdeckten wir dann noch ein kleines "Café". Stellt Euch hierfür einen kleinen Hinterhof vor, von dem viele kleine Hütten abgehen, in denen die Menschen leben. Viele Fliegen, da in der Nachbarschaft Kühe leben und ein paar Hocker auf dem Erdboden. Danach ging es noch zur Kirche St. George, einem kleinen Souvenirshopping-Stopp und zum Tanasee. Im Gegensatz zu Addis, ist es hier sehr entspannt. Bahir Dar hat ca. 300.000 Einwohner, statt blauer Taxen fahren hier blaue Tucktucks und sehr viele Fahrräder. Die Strassen sind nicht so überfüllt und ich habe heute so viele Touristen gesehen, wie nicht in der ganzen Zeit in Addis.

Die Kinder hier im Dorf wirken eigentlich alle sehr fröhlich. Besonders ein kleiner Mann hat es mir hier schon angetan, der immer mit ausgestreckten Arm auf uns zukommt um Hallo zu sagen, gerne auch mehrmals hintereinander. Dabei macht er immer ein ziemlich ernstes Gesicht. Heute Nachmittag hat er mich dann - nach dem obligatorischen Händeschütteln - bis zu meinem Zimmer begleitet. Schade nur, dass ich mich nicht wirklich mit ihm verständigen kann.

Nach einem Abendessen mit unseren äthiopischen Kollegen wurden wir dann noch auf ein Bier in ein öffentliches Lokal eingeladen. Das war sehr nett, nur am Toilettenkonzept sollten sie dringend arbeiten, denn ohne Licht ein Loch zu treffen, aus dem es ganz furchtbar stinkt, ist dann doch nicht meins.

Nun sitze ich gerade auf meinem Bett, höre die Grillen zirpen und freue mich auf einen weiteren spannenden Tag in Bahir Dar. Da ich hier mit dem WLAN etwas eingeschränkter bin, kommen die Berichte nun immer zeitversetzt.

28.10.14 04:29, kommentieren

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Busfahrt nach Bahir Dar

Pünktlich um 5 Uhr in der früh standen wir mir gepackten Koffern im dunklem Addis und warteten auf unser Taxi. Unser äthiopischer Kollege hatte uns doch mal ausdrücklich daraufhin gewiesen, dass wir pünktlich sein sollen, denn die Abfahrt nach Bahir Dar warum 5.30  Uhr. Wir hatten das mit der Pünktlichkeit auch verstanden, nur der bestellte Taxifahrer wohl nicht, denn der kam nicht. Um 5.15 Uhr nahmen wir uns also ein "normales" Taxi. Nach dem gestrigen Erlebnis war ich über dessen Licht sehr dankbar, wenn auch dieser Fährte gerne mal die Spur der Gegenfahrbahn benutzte - aber gut.

Wir waren zwar so ziemlich die letzten, bekamen aber noch unsere reservierten Plätze und sitzen nun im Selam Bus, einem für hiesige Verhältnisse "Luxusbus" nach Bahir Dar. Nachdem die Fahrt mit viel zu lauter äthiopischer Musik begann, wurden gerade zwei Fernseher aktiviert auf denen nun äthiopische Musikclips laufen. Ich sag nur äthiopisches Bollywood! Frühstück gab es auch schon in Form eines Wassers und eines Stücks Kuchen. 

Da bei der Beschallung unmöglich an Schlaf zu denken ist, habe ich schon einiges von der Landschaft gesehen. Die Straße ist zum großen Teil sehr gut ausgebaut, nur die anderen Verkehrsteilnehmer scheinen unserem Fahrer ein Dorn im Auge zu sein. Das Land ist unheimlich grün und ich frage mich, warum hier nicht alles voller Obstbäume ist. Immer wieder gibt es kleine Orte oder auch einfach ein paar Hütten. Ziegen, Esel, Pferde, Rinder und Hühner laufen über die Felder oder ruhen am Straßenrand. Es gibt immer wieder skurrile Bilder, wie den Mann im Anzug zwischen Rindern oder die Männer die im Freien ein Rind (?) häuten.
Pinkelpause ist natürlich Freiluft, obwohl ich ganz sicher bin, dass der Bus laut Internet eine Toilette haben sollte ;-).  Mein Körper ist seit gestern etwas ungnädig mit dem äthiopischen Essen und ich hoffe, dass ich die acht Stunden Fahrt gut überstehe. Apropos Stunden. Die Zeit ist hier anders wenn um sechs Uhr die Sonne aufgeht, ist es in Äthiopien 0 Uhr. 

Gerade sind wir an einer Baustelle vorbeigefahren, auf der die Bauarbeiter tatsächlich mal Schutzhelme aufhatten, während zeitgleich ein Mann barfuß mit einem Tuch umwickelt an Ihnen vorbeiging. Hier auf dem Land sieht man, wie hart das Leben hier ist: viele Kindern hüten die Tiere, Frauen tragen Körbe oder Säcke und oft sind sie alle dabei barfuß.

Die Strassenverhältnisse haben sich mittlerweile verschlechtert und der Asphalt ist einer Schotterpiste gewichen. Viel schlimmer ist aber der Lärm. Nach der Musik kam eine Soap und statt einer Pause sind wir nun wieder ein Discobus. Hinter mir sitzt ein Mann, der ab und an telefoniert und dabei so laut schreit, als würde er der mobilen Verbindung nicht trauen. Fast vier Stunden Fahrt liegen nun noch vor uns.

Nach insgesamt zehn !!! Stunden sind wir dann doch in Bahir Dar angekommen. Gott sei Dank wurden wir dort gleich von unseren Kollegen in Empfang genommen und waren kurze Zeit später im Kinderdorf. Einige Kinderdorfmütter mit Kindern begrüßten uns mit einer Kaffeezeremonie zu der im Übrigen immer Popcorn gehört. Das Kinderdorf hat eine kleine Terrasse von wo aus man freie Sicht auf ein Stück Wiese hat. Ich habe mich sofort in den Platz verliebt, denn hier fliegen zahlreiche Vögel die man wunderbar beobachten kann. Zusätzlich ist es hier nach dem vollem Addis eine absolute Oase der Ruhe bzw. ein Konzert der Vogel oder später der Grillen. Nachdem meine Kollegin erwähnte, dass sie Kopfschmerzen hätte und erst einmal etwas essen müsste bevor sie einen zweiten Kaffee trinkt wurde sofort ein kleiner Imbiss organisiert. Kartoffelbrei und Karotten, alles aus eigener Ernte - einfach köstlich! 
Im Anschluß gab es einen ersten Rundgang durch das Kinderdorf. Hier leben 12 Kinderdorffamilien mit jeweils 10 Kindern. Außerdem gibt es noch einen Kindergarten auf dem Gelände und gegenüber eine Hermann Gmeiner Schule. Mehr dazu dann in den nächsten Tagen.

Das Dorf gefällt mir sehr gut, es ist schön angelegt und etwas verwinkelt, so dass die Kinder hier auch Rückzugsmöglichkeiten haben. Besonders schön finde ich, dass hier zahlreiche Obst- und Gemüsesorten angebaut werden. Den ersten Kontakt mir einigen Kindern hatten wir auch schon und ich freue mich sehr, dass wir im Dorf wohnen, so dass wir in den nächsten Tagen Zeit haben, diese mit den Kindern zu verbringen. Nun freue ich mich auf eine Nacht in meinem neuen Bett, das definitiv nicht so durchgelegen ist, wie das in Addis ;-) Gute Nacht!


 

28.10.14 04:28, kommentieren